Investor Relations 2.0

“Das Web 2.0 hat einen bleibenden Eindruck in der Kommunikationskultur und -struktur unserer Gesellschaft hinterlassen. Es steht außer Frage, dass es auch die Kommunikation auf und mit dem Kapitalmarkt verändern wird.”[1]

Die Kommunikationsbereiche Social Media und Investor Relations (IR) scheinen auf den ersten Blick nur wenige Gemeinsamkeiten zu besitzen. Investor Relations bedeutet hoch seriöse und durch Gesetze und Vorschriften stark reglementierte Finanzkommunikation zwischen Aktien-Emittenten und Investoren, während Social Media weitläufig noch als Hype unter internetaffinen Teenagern deklassiert wird. So wurde in der Kommunikationstheorie Web 2.0 und Investor Relations bisher kaum zusammengedacht.[2]

Die weitreichenden Veränderungen die mit der rasenden Verbreitung des Web 2.0 einhergehen beeinflussen Unternehmen, ihre Kommunikation und ihre Investor Relations praktisch jedoch immer stärker. Im Internet kann nun jeder, der möchte, öffentlich und leicht auffindbar etwas über den Unternehmenswert schreiben, den aktuellen Aktienwert kommentieren oder eigene Prognosen über die zukünftige Unternehmensentwicklung äußern. Besonders intensiv sind diese Gespräche zwischen Internetnutzern bereits in Foren und Communities. Die Demokratisierung der Bestimmung des wahren Unternehmenswertes verringert den Einfluss der klassischen Gatekeeper wie Analysten, Nachrichtenagenturen und eben IR-Abteilungen. Gleichzeitig gewinnt, neben den klassischen IR-Instrumenten, die Finanzkommunikation über das Internet, die Online Investor Relations, für Unternehmen als zeit- und ortsunabhängiger Kommunikationskanal weiter an Bedeutung. Mit dem Ziel der Senkung der Kapitalkosten versuchen Unternehmen sich hier optimal darzustellen und effektiv mit der Financial Community zu kommunizieren. Für IR-Manager stellt sich die Frage: „Eignet sich Social Media überhaupt für IR-Aktivitäten?“[3]

Sowohl das Web 2.0, als auch die Investor Relations sind relativ neue Kommunikationsbereiche, die wissenschaftlich und in der unternehmerischen Praxis erst schwach durchdrungen sind und sich zudem in einer starken Entwicklung befinden. Die Arbeit richtet sich zum einen an wirtschaftlich denkende und im Arbeitsalltag häufig überlastete Investor Relations Manager von an der Deutschen Börse notierten Unternehmen, die an der Nutzung von Chancen, der Minimierung der Risiken und Etablierung einer Best-Practice Lösung interessiert sind. Zum anderen richtet sie sich an Kommunikationswissenschaftler, die an den Auswirkungen des Web 2.0 auf die Unternehmenskommunikation interessiert sind und häufig wenig Einblick in die Investor Relations Kommunikation haben.

Nach einer Situationsanalyse zum aktuellen Stand der Investor Relations Praxis in Deutschland, insbesondere der dialogorientierten Online IR, und der Abbildung eines Status Quo der Social Media Nutzung in der Unternehmenskommunikation, stellt die Arbeit eine These dar, nach der die kommunikationspolitischen sowie finanzwirtschaftlichen Ziele der IR entsprechend den Grundsätzen für effektive Finanzkommunikation theoretisch mittels Social Media Kommunikation erreicht werden können. Die grundsätzlichen Chancen werden dabei in Präsenz, Information, Dialog und Wirtschaftlichkeit gesehen. Eine abstrakte Betrachtung der IR-Instrumente und der gängigen Social Media Anwendungsarten soll dies nach folgenden Unterscheidungskriterien untersuchen: Persönliche/unpersönliche sowie freiwillige und verpflichtende IR-Maßnahmen, freiwillige und verpflichtende IR-Inhalte sowie interner (auf der Webseite) und externer (auf Plattformen von Fremdanbietern) Social Media Aktivitäten. Zentral ist dabei die tatsächliche und zukünftige Nutzung von Social Media durch die Zielgruppe der Financial Community. Studien und Fachliteratur werden dafür durch Interviews mit Agenturen und IR-Verantwortlichen deutscher Konzerne ergänzt. Anschließend an diese Analyse gibt die Arbeit Best-Practice Beispiele deutscher Unternehmen und konkrete Handlungsempfehlungen für Investor Relations Abteilungen. Ein Ausblick auf zukünftige Entwicklungen wird mit Beispielen aus dem englischsprachigen Ausland unterlegt. Ziel der Arbeit ist es, objektiv ausreichend fundierte Erkenntnisse und Argumente für bzw. gegen die aktive Nutzung von Social Media in den Investor Relations darzulegen, sodass daraus ein entsprechendes individuelles Kommunikationskonzept daraus entwickelt werden könnte.

Der DIRK sieht als bedeutendster deutscher Berufsverband für Investor Relations erheblichen Forschungsbedarf. Verschiedene Forschungszweige sollen demnach gerade jetzt dazu beitragen, das Verständnis der Investor Relations-Profis für ein dynamisches Kommunikationsumfeld zu vertiefen, Chancen und Risiken weiter zu differenzieren und Handlungsalternativen zu eruieren.[4]


[1] Fieseler, Christian/Hoffmann, Christian/Meckel, Miriam: IR 2.0, Soziale Medien in der Kapitalmarktkommunikation, 1. Auflage, Deutscher Investor Relations Verband e. V., Hamburg 2010, S. 25.

[2] Vgl. Köhler, Kristin: Investor Relations und Social Media, Benchmarkstudie zur Praxis der Finanzkommunikation im Web 2.0 bei börsennotierten Unternehmen in Deutschland, 1. Auflage, GoingPublic Media AG, München 2010, S. 47.

[3] Deter, Henryk/Gremmler, Susanne: „Social Media in der IR: Testphase läuft, Zukunft offen“ in: Going Public 1/11, S. 58 bis 60, S. 58.

[4] Vgl. Fieseler, Christian/Hoffmann, Christian/Meckel, Miriam: IR 2.0, Soziale Medien in der Kapitalmarktkommunikation, 1. Auflage, Deutscher Investor Relations Verband e. V., Hamburg 2010, S. 25.

Andreas Köster 23. Oktober 2010 3 Kommentare Trackback URI Comments RSS

3 Kommentare zu “Investor Relations 2.0”

  1. […] Investor Relations 2.0 […]

  2. […] Investor Relations 2.0 […]

  3. Dominik Luxam 13. August 2013 um 11:35 Link zum Kommentar

    Die NYSE akzeptiert heute 2013 bereits adhoc-Meldungen über Corporate Social Media Tools!!

    lg D. Lux

Einen Kommentar schreiben